Das Leben ist ein stetiger Wechsel zwischen Nähe und Distanz.
Nähe erlaubt uns, Bindungen einzugehen.
Und Distanz fördert individuelle Entwicklung und Wachstum.
Die richtige Mischung sorgt für Ausgeglichenheit und erfüllte Beziehungen.
Eltern bedrängen ihre Kinder oft, schießen ihre Fragen ab, suchen den Kontakt im falschen Moment, denn gute Kommunikation benötigt auch immer den richtigen Zeitpunkt
Und Kinder andererseits, wollen sich abgrenzen, machen sich rar, behalten vieles für sich und machen Dinge mit sich selbst aus. Das ist eine völlig normale Entwicklung. Gerade in der Pubertät streben die Kinder nach Autonomie.
Dadurch entsteht ein Konflikt aus Enttäuschung seitens der Eltern und Genervt sein und eventuell Rückzug seitens der Kinder.
Kontaktabbruch ja oder nein?
Kontaktabbruch ist ein sehr relevantes Thema in vielen Familien mit Suchtproblematik. Häufig stehen Eltern und Betroffene vor der Frage, wie viel Nähe möglich ist und wann Abstand notwendig wird.
Für diesen Bereich haben wir unterschiedliche Perspektiven zusammengetragen. Die Einblicke, die ihr hier nachlesen könnt, sind Rückmeldungen von Eltern – insbesondere Müttern – sowie von Betroffenen. Sie zeigen verschiedene Wege im Umgang mit Nähe, Abstand und Kontaktpausen, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.
Nähe kann Verbundenheit geben und beruhigen – und gleichzeitig überfordern. Sie kann bedeuten, immer wieder über eigene Grenzen zu gehen und daran selbst zu zerbrechen. Abstand kann schützen – und dennoch schmerzen, weil eine Sehnsucht bleibt.
Es geht um sehr individuelle Entscheidungen, die niemand für einen anderen treffen und auch nicht bewerten kann.
Auch wenn es hier nicht immer ausdrücklich benannt wird, wissen wir, dass für manche Eltern – oder auch für Betroffene selbst – ein vollständiger Kontaktabbruch ein notwendiger Schritt des Selbstschutzes sein kann.
Danke an alle, die ihre Gedanken und Erfahrungen mit uns geteilt haben.
Eine Mutter:
“Ein totaler Kontaktabbruch ist schwierig für mich, aber eine gewisse Distanz ist wichtig. Unser Sohn hat seit 5 Jahren eine eigene Wohnung, nachdem es bei uns zu Hause nicht mehr funktioniert hat.
Es hilft unserer ganzen Familie, wenn wir nicht jeden Tag direkt mit der Sucht konfrontiert werden. Und wenn er echte Hilfe annehmen will, sind wir für ihn da.
Ansonsten versuchen wir, uns so weit wie möglich aus seinem Leben rauszuhalten. Er sagt, die Drogen und die Leute mit denen er sie konsumiert, sind die einzige Freude, die er im Leben hat. Dagegen kommt man nicht an.
Normale Gespräche sind seit langem leider nicht mehr möglich….” Birgit
Eine Mutter:
“Mein Sohn ist seit 10 Jahren abhängig und mittlerweile über 30. Seit er 18 ist lebt er nicht mehr bei uns.
Die Beziehung zwischen uns war immer sehr eng, auch wenn durch die Umstände zu manchen Zeiten von meiner Seite aus Distanz gehalten werden musste. Ich habe aber bewusst den Kontakt nie abgebrochen, obwohl ich manchmal dachte, es ginge nicht anders. Ich glaube, mit einem Kontaktabbruch hätte ich das Leid meines Sohnes vergrößert, ohne dass er dadurch den Konsumhätte einstellen können.
Meiner Meinung nach sollte er nicht bestraft werden, weil er krank ist, und es wäre eine Strafe gewesen, denn ich wünsche mir Kontakt mit ihm. Was ich manchmal gemacht habe, war, den Kontakt für ihn etwas zu erschweren, also adäquate Grenzen zu setzen. Zum Beispiel habe ich ihn in WhatsApp blockiert, wenn er mich terrorisiert hat. Dann hätte er mich aber persönlich kontaktieren können, zum Beispiel, indem er bei mir vorbeikommt.
Also ich habe die Beziehung immer gehalten und werde das weiterhin tun.”
Leslie
Ein Sohn:
“Erstmal war der Kontaktabbruch eine Entlastung für mich. Konflikte, die mich stark belastet haben, gerieten dadurch in den Hintergrund.Ich konnte mich von dem Familiengefüge, das mich ohnehin schon immer belastet hat, distanzieren. Manchmal benötigt man diese Pause, um Verletzungen zu heilen.
Als bei der erneuten Kontaktaufnahme die Kommunikation auf einmal deutlich besser war, überraschte mich das, half mir aber, den Kontakt weiter bestehen zu lassen. Wäre das nicht passiert, hätte ich den Kontakt weiter gemieden.
Durch die ehrliche und nicht wertende Kommunikation auf Augenhöhe, fand ich eine riesige Unterstützung in meiner Mutter, ohne die ichnicht an dem Punkt wäre, an dem ich jetzt bin.
Sie zeigte mir Optionen, die mir meinen weiteren Lebensweg überhaupt erst vorstellbar machten. Es wurde eine Zukunft nicht nur vorstellbar, sondern ich ging den Weg auch an. Das Wichtigste war jedoch, meine Gefühle, Bedürfnisse und auch den Konsum ansprechen zu können, ohne verurteilt zu werden – und sogar die Vorteile von Konsum äußern zu dürfen.”
Dennis (33)
Eine Mutter:
Irgendwann – als die Sucht unseres Sohnes ihren absoluten Höchststand erreicht hatte und ihr alles andere untergeordnet wurde – musste ich mir als Mutter schmerzlich eingestehen, dass ein friedliches Zusammenleben nicht mehr möglich war. Die Droge bestimmte sein Handeln, und seine Emotionen und Werte hatten sich komplett verschoben. Er entfernte sich immer weiter von dem Menschen, der er einmal gewesen war, und wurde im Umgang mit uns zunehmend respektlos.
Das Zusammenleben war von Spannungen und Eskalationen geprägt. Für mich war dieser Zustand kaum noch auszuhalten. Ich war erschöpft und sehnte mich nur noch nach etwas mehr Ruhe und Frieden – für mich selbst und für unsere Familie.
Wir stellten unseren Sohn vor eine klare Wahl: Entweder sucht er sich Hilfe und beginnt eine Therapie, oder er muss unser Haus verlassen. Für mich war dieser Schritt vor allem von Klarheit geprägt. Bei meinem Mann hingegen gab es mehr Zweifel, ob wir das Richtige tun. Innerlich jedoch hatte unser Sohn diese Entscheidung längst für sich getroffen – auch für ihn war dieser Zustand kaum noch auszuhalten.
Dieser Schritt war für uns damals notwendig, um nicht selbst an der Krankheit unseres Kindes zu zerbrechen. Sein Verhalten dominierte das gesamte Familienleben. Auch die Geschwisterkinder litten massiv unter der Situation.
Gleichzeitig mussten wir akzeptieren, dass wir in dieser Phase keinen Einfluss auf seine weitere Entwicklung nehmen konnten. Rückblickend kann ich heute sagen: Die räumliche und emotionale Pause brachte Ruhe und mehr Klarheit.
Glücklicherweise konnten wir den Faden nach ein paar Monaten wieder aufnehmen. Wir schafften es, anders miteinander zu kommunizieren – akzeptierender, wertschätzender und mehr auf Augenhöhe. Ich hatte dazugelernt, und unser Umgang miteinander veränderte sich grundlegend.
Mir wurde klar, dass unser früher sehr konfrontatives Verhalten die Fronten verhärtet und eine Mauer zwischen uns aufgebaut hatte. Heute achten wir viel bewusster auf unsere Beziehung. Dass unser Sohn älter geworden ist, trägt zusätzlich zu mehr Entspannung und einer anderen Form der Reflexion bei.
Heute weiß ich: Der Abstand war eine notwendige Voraussetzung dafür, wieder in Beziehung treten zu können.
Barbara
Ein Betroffener:
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen – aus der Sicht eines suchterkrankten Menschen –, dass Abstand oder sogar Kontaktabbruch manchmal sehr wichtig für Angehörige ist. Zum Selbstschutz und um eine Grenze zu ziehen. Um zu sagen: „Stopp – gerade können wir nicht mehr.“
Aber – und das ist das Wesentliche – mit dem Hinweis: “Wir sind müde, wir wissen nicht weiter, wir brauchen diesen Abstand – aber wir lassen dich nicht fallen.” Ich denke, das ist ganz wichtig zu kommunizieren. Auch zu sagen: „Wir lieben dich. Du bist nicht allein.“
Ein kompletter Kontaktabbruch führt oft dazu, dass der Süchtige noch tiefer abrutscht. Wenn er merkt: Da ist niemand mehr. Vielleicht wird die Nummer blockiert, keineraus Familie oder Freundeskreis meldet sich mehr. Meist ist dieser Kontaktabbruch ein kollektiver – so dass wirklich niemand mehr da ist.
Dann verlieren Betroffene oft völlig den Halt. Ein Absturz ins Bodenlose ist wahrscheinlich. Kontaktabbruch – ja, aber mit Kommunikation. Kein Fallenlassen!
Ich kenne das leider auch. Es kamen schlimme Beschimpfungen hinzu.
Bitte – so schwer es für Angehörige auch ist, trotz aller Enttäuschung: Keine Beschimpfungen. Sie führen oft direkt in den seelischen Abgrund. Und was tut ein Süchtiger mit emotionalem Schmerz? Er konsumiert.
Peter
