Zusammenfassung Online Meeting vom 18.02.2026
Was passiert mit unserer Gesundheit während der Sucht unserer Kinder?
Die Sucht eines Kindes belastet Eltern oft über viele Jahre – emotional, mental und auch körperlich. Deshalb ist auch die Gesundheit von Eltern und Angehörigen ein wichtiges Thema.
Was hilft Eltern und Angehörigen unter solchen Belastungen gesund zu bleiben?
Gesund oder krank – oder beides zugleich?
Mit genau dieser Frage beschäftigte sich der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923–1994) mit seinem Modell der Salutogenese.
Salutogenese bedeutet wörtlich:
- Salus = Unverletztheit, Heil, Glück
- Genese = Entstehung
Antonovsky kritisierte das damalige Gesundheitssystem, da durch eine pathogenetische Betrachtungsweise Beschwerden, Symptome und Schmerzen und deren Beseitigung im Vordergrund standen. Dadurch würde, so Antonovsky, die Ganzheitlichkeit des Menschen vernachlässigt. In diesem pathogenetisch ausgerichteten System gelten Menschen entweder als gesund, nämlich dann, wenn keine Krankheiten vorliegen, oder als krank, sobald eine Diagnose gestellt wurde.
Was hält Menschen gesund?
Antonovsky hatte einige Phänomene beobachtet, die er genauer verstehen wollte.
- Warum bleiben Menschen gesund?
- Wie schaffen sie es, sich von Erkrankungen wieder zu erholen?
- Was ist das Besondere an Menschen, die trotz Belastungen nicht krank werden?
Gesundheit als dynamischer Prozess
In seinem Ansatz geht er davon aus, dass alle Menschen mehr oder weniger gesund und gleichzeitig mehr oder weniger krank sind. Gesundheit ist kein gegebener Zustand, sondern muss immer wieder aufgebaut und erhalten werden, also ein kontinuierlicher Prozess und sehr dynamisch.
Das Kontinuum von Gesundheit und Krankheit
Antonovsky war der Meinung, dass Menschen sich auf einem Kontinuum befinden, deren beiden Enden gesund/körperliches Wohlbefinden und krank/körperliches Missempfinden darstellen. Beide Enden können nicht erreicht werden, denn Antonovsky geht davon aus, dass jeder Mensch auch wenn er sich gesund fühlt, auch kranke Anteile in sich trägt und auch wenn sich ein Mensch sehr krank fühlt, es noch gesunde Anteile in ihm gibt, sonst wäre kein Leben möglich. Auch wenn er in seinem Modell das Körperliche in den Vordergrund rückt, geht er davon aus, dass es andere Kontinuen gibt (z.B. Wohlbefinden und Unbehagen), die sich auf dieses Kontinuum auswirken.
Das Kohärenzgefühl
Wie ordnen sich Menschen nun auf diesem Kontinuum ein?
Dazu besitzt jeder Mensch eine Grundhaltung gegenüber der Welt und seinem eigenen Leben. Antonovsky nennt es das Kohärenzgefühl. Kohärenz bedeutet Stimmigkeit oder Zusammenhang. Wie ausgeprägt dieses Kohärenzgefühl bei einer Person ist, hängt von drei Komponenten ab.
- Gefühl von Verstehbarkeit
- Gefühl von Handhabbarkeit und Bewältigbarkeit
- Gefühl von Sinnhaftigkeit
Gefühl von Verstehbarkeit
Es ist dann gegeben, wenn Menschen Reize und Informationen strukturiert verarbeiten können. Treten Reize auf, die chaotisch, willkürlich oder unerklärlich sind, wird das Gefühl der Verstehbarkeit nachlassen.
Gefühl von Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit
Dahinter verbirgt sich die Überzeugung, dass Schwierigkeiten lösbar sind. Ein Mensch kann seine eigenen Ressourcen nutzen, um Anforderungen zu begegnen. Ressourcen liegen dabei nicht nur in dem Menschen selbst, sondern auch in anderen. Also jemand anders kann mir bei meinem Problem helfen und es mit mir lösen.
Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit
Das Leben hat einen Sinn. Die Probleme und Anforderungen sind eher Herausforderungen als eine Last. Sie sind es wert, sich damit auseinanderzusetzen und sie bearbeitet. Diese Komponente ist die wichtigste, denn ohne Sinn im Leben, sind auch die anderen beiden Komponenten nicht wichtig.
Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl ist, desto leichter kann ein Mensch auf jegliche Anforderungen reagieren. Je geringer es ausgeprägt ist, desto schwieriger wird es ihm fallen.
Antonovsky 1993, Antonovsky 1997
Was können wir als Eltern und Angehörige tun, um die Situation mit einem suchterkrankten Menschen zu verstehen, zu bewältigen und einen Sinn zu finden?
Ergebnisse der Gruppenarbeit in Break-out-Sessions
Realität anerkennen
- Der Kreislauf der Sucht ist schwer zu durchbrechen.
- Sucht ist ein Ritt auf Messerschneide
- Kinder sind ambivalent.
- Die Richtung des Kontinuums ändert sich immer wieder.
- Es gibt gute und schlechte Tage.
- Wir können nicht retten.
- Annehmen, dass es ein Prozess ist.
- Schwer das Kind ganz loszulassen wegen emotionaler Bindung.
- Wenn das Hilfesystem versagt, fällt es uns als Eltern schwer, unsere Kinder ganz fallen zu lassen.
Sucht verstehen
- Verstehen der Sucht als chronische Erkrankung hat es mir zunächst verständlicher gemacht, aber auch neue Ängste geschürt.
- Akzeptanz der Erkrankung
- Die Sucht als Krankheit anerkennen.
- Kind und Sucht trennen.
Beziehung zum Kind im Blick behalten
- Ehrliche und tiefe Gespräche mit dem Kind sind wichtig, um zu verstehen, aber auch nicht immer leicht, da ich schnell in den Kontrollmodus switche.
- Bedürfnisse des Kindes erfragen – Was ist der Sinn des Drogenkonsums – was gibt es dir?
- Kommunikation – in Verbindung mit dem Kind sein, wertfrei am Leben teilnehmen.
- Offen drüber reden oder auch mal nicht darüber reden.
- Botschaft: Ich liebe dich.
- Warum fragen – Kontakt auf Augenhöhe suchen und erhalten.
- Keinen Keil in das Verhältnis treiben.
Eigene Haltung entwickeln
- Mein Leben leben, meine Ziele – mein Kind sein Leben leben lassen.
- Meinem Kind sein Leben zumuten, da wo er jetzt gerade ist.
- Dem Kind und mir das Recht zustehen, dass jeder seinen Weg geht.
- Kind nicht mehr in den Mittelpunkt stellen
- Eine Haltung finden als Eltern
- Grenzen setzen
- Eigene Bedürfnisse ernstnehmen
- Nähe zulassen, aber auch Distanz nehmen
- Liebe und Distanz
Unterstützung finden
- Bücher, Podcasts, Forum
- Hilfe annehmen
- Hilfe suchen – Fachleute, Beratungsstelle
- Perspektivenwechsel ist sehr hilfreich – in Bewegung bleiben.
Für sich selbst sorgen
- Schuldfrage bearbeiten
- Mitgefühl mit sich selbst haben
- Freude fühlen
- Achtsamkeit und Mentaltraining
- Blutdruck stabil halten
- Schmerz ist unvermeidbar, immer wieder aus dem Leid bewusst austreten
Innerer Leitgedanke
Lieber Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Während die Salutogenese danach fragt, was Menschen gesund erhält, beschäftigt sich ein anderer Ansatz mit der Frage, wie Menschen trotz psychischer Erkrankungen oder Suchterkrankungen wieder zu einem erfüllten Leben finden können. Dieser Ansatz wird als Recovery bezeichnet.
Recovery – ein Ansatz für Genesung
Recovery bedeutet Gesundung, Genesung oder die Wiederherstellung von Gesundheit. Der Begriff bzw. was sich dahinter verbirgt, ist nicht eindeutig. Es bestehen mehrere Perspektiven. Eine medizinische Perspektive zielt darauf ab, die Symptome und Funktionseinschränkungen bei Betroffenen zu reduzieren. Dazu zählen z.B. Traurigkeit, Angstzustände, Schlafprobleme oder sozialer Rückzug. Dadurch soll sich gleichzeitig die Inanspruchnahme von Behandlungs- und Therapiemaßnahmen reduzieren.
Eine zweite Perspektive schaut aus der Sicht von Betroffenen und der Selbsthilfe. Betroffene sollen die Folgen einer psychischen Erkrankung, z.B. auf persönlicher, sozialer und gesellschaftlicher Ebene, überwinden und zu einem selbstbestimmten Leben zurückfinden. Es geht also über Symptomfreiheit hinaus.
Das CHIME-Modell der Genesung
Was sich dahinter verbirgt und wie eine Genesung möglich sein kann, zeigt das Modell CHIME. Das Wort CHIME setzt sich aus den Anfangsbuchstaben dieser fünf Wörter zusammen. Man geht davon aus, dass Betroffene diese fünf Säulen erreichen können, wenn sie entsprechend unterstützt werden. Unterstützung wird zum einen durch das Hilfesystem, aber insbesondere durch Genesungshelfer*innen gegeben.
Die fünf Säulen von Recovery
Connectedness – Verbundenheit
Connectedness also Verbundenheit bedeutet, dass eine Person, also jemand, der eine psychische Erkrankung hat, sich in gesunden Beziehungen befindet, dass sie ein Teil der Gemeinschaft ist und von anderen Betroffenen, den sogenannten Peers, unterstützt wird.
Hope – Hoffnung
Hope also Hoffnung oder auch Optimismus beinhaltet, dass eine Person an Recovery, also die eigene Genesung glaubt, sie hat die Motivation, etwas zu verändern und entwickelt Träume und auch Sehnsüchte.
Identity – Identität
Identity also die Identität bezeichnet das Überwinden von Stigma und auch möglicherweise eine Neudefinition der eigenen Identität bzw. des Sinns der Identität, die durch die Erkrankung gelitten hat.
Meaning – Sinn und Bedeutung
Meaning bezieht sich auf die Bedeutung und Sinnfindung im Leben, wieder eine Lebensqualität zu erreichen und sich neu zu orientieren.
Empowerment – Selbstbestimmung
Empowerment meint z.B. die Verantwortungsübernahme, wieder Kontrolle zu gewinnen und den Fokus auf die eigenen Stärken und Ressourcen zu setzen.
Leamy et al. 2011, DGPPN 2019
Recovery Collages
Rcgt-owl 2025
Sie beschäftigen sich mit der Genesung von Betroffenen. Sie sind aufgebaut wie Bildungseinrichtungen, in denen man lernt, mit seiner Erkrankung im Alltag zu leben. Es werden verschiedene Seminare angeboten, sodass man sich aussuchen kann, was für einen selbst in Frage kommt.
Seminar- und Kursangebote eines Recovery College:
- Übungen zur Achtsamkeit
- Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstwertgefühl
- Gedanken, Meinungen und Ideen austauschen
- Yoga
- offener Austausch
- Bogenschießen
- Resilienztraining
- Humor
- Mut für neue Visionen
- Schreibkurse
- Waldbaden und vieles mehr
Literatur
Rcgt-owl. (2025). Recovery-Collage Gütersloh. Online unter https://www.rcgt-owl.de/
Antonovsky, A. (1993). Gesundheitsforschung versus Krankheitsforschung. In: A. Franke & M. Broda (Hrsg.). Psychosomatische Gesundheit. Versuch einer Abkehr vom Pathogenese-Konzept. S. 3 – 14. Tübingen: dgvt.
Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Deutsche Übersetzung von Franke, A. Tübingen: dgvt.
DGPPN. (2019). S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen. S3- Praxisleitlinie in Psychiatrie und Psychotherapie. [2. Auflage]. Berlin: Springer.
Leamy, M., Bird, V., Le Boutillier, C., Williams, J. & Slade, M. (2011). Conceptual framework for personal recovery in mental health: systematic review and narrative synthesis. British Joournal of Psychiatry 199 (6), 445-452.
