Das Leben geht weiter

Mein Name ist Susanne. Ich bin 59 Jahre alt, arbeite als Krankenschwester, habe vier Kinder und mittlerweile fünf Enkelkinder.

Bevor alles begann

Eines meiner Kinder ist Christina. Sie ist 1990 geboren, ein Zwillingsmädchen, und lebt seit fünfzehn Jahren mit einer Suchtkrankheit. Die ersten sechzehn Jahre mit ihr und ihren Geschwistern waren unbeschwert. Wir führten ein ganz normales Familienleben: machten Urlaub, campten, veranstalteten Spieleabende, das Haus war voller Freunde- es war eine schöne Zeit.

Christina veränderte sich

Doch irgendwann veränderte sich Christina. Sie verliebte sich zum ersten Mal- in einen deutlich älteren Mann, der drogenabhängig war. Sie kam spät oder gar nicht mehr nach Hause, Geld fehlte, und wir merkten, dass sich etwas Grundlegendes veränderte. Mit siebzehn wollte sie ausziehen. Das Jugendamt war der Meinung, wir sollten sie gehen lassen. Es war ein schwerer Tag für uns alle.

Bald erfuhren wir, dass Christina nicht nur Cannabis konsumierte, sondern heroinabhängig war. Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich das erfuhr. Es war wie ein Schlag. Ich saß fassungslos in der Küche auf dem Boden, zerschlug Tassen- alles in mir schrie. Ich dachte, ich halte das nicht aus. Aber ich habe gelernt: Man gewöhnt sich an alles, irgendwie.

Ein langer Weg und neue Hoffnung

Was folgte, war ein langer schmerzhafter Weg. Christina begann Therapien, brach sie wieder ab- immer wieder. Ich setzte meine ganze Hoffnung in jeden neuen Versuch, doch nichts hielt. Zuhause war es schwierig sie zu empfangen- auch wegen der Geschwister. Meistens traf ich sie in der Stadt. Ich besuchte einen Angehörigenkurs, las Berichte anderer Eltern im Internet. Ich fühlte mich lange allein, auch zwischen meinem Mann und mir gab es Spannungen. Aber wir hielten zusammen- ohne ihn hätte ich das alles nicht bewältigen können.

Irgendwann schaffte Christina eine Langzeittherapie durchzuhalten. Sie blieb eine Zeit lang clean, lernte einen Mann kennen und wurde schwanger. Auch dieser Mann war suchtkrank, die Beziehung hielt nicht. Dann kam ein neuer Partner, sie zog mit ihm zusammen und versuchte, das Kind gemeinsam mit ihm großzuziehen. Ich hatte Hoffnung- dachte, das Kind würde sie retten. Anfangs kümmerte sie sich gut um ihren Sohn.

Wir haben uns neu sortiert

Doch sie wurde wieder rückfällig. Nach einem Streit mit ihrem Partner rief die Polizei uns mitten in der Nacht an. Ihr Sohn musste abgeholt werden. Seitdem lebt unser Enkelkind- unser heutiger Pflegesohn- bei uns. Der leibliche Vater ist inzwischen verstorben. Damals dachte ich noch, Christina würde sich erholen und ihren Sohn wiederaufnehmen können. Doch mit der Zeit wurde klar: Das wird nicht passieren.

Heute ist ihr Sohn neun Jahre alt. Wir haben uns als Familie neu sortiert. Mein Mann hat seinen Beruf aufgegeben und kümmert sich um Haushalt und Kind. Ich gehe weiterhin arbeiten. Es war nicht unser Plan- wir hatten uns nach dem Auszug unserer Kinder mehr Zeit für uns gewünscht. Aber das Leben verläuft nicht immer so, wie man es sich vorstellt.

Wir erleben viele schöne Momente – doch nichts mehr ist wie früher

Trotz allem genießen wir die Zeit mit unserem Enkel auch mit unseren anderen vier Enkelkindern. Wir machen Ausflüge, fahren wieder in den Urlaub- erleben viele schöne Momente. Christina lebt inzwischen in einer anderen Stadt, ist im Methadon – Programm und hat eine eigene Wohnung. Es geht ihr im Moment einigermaßen gut.

Und doch ist nichts mehr so wie früher. Christina ist nicht mehr die Tochter, die sie einmal war. Sie spricht, denkt und lacht anders. Trotzdem spüre ich, wie sehr sie uns liebt- und vor allen, wie dankbar sie ist, dass wir für ihr Kind da sind. Das hilft uns sehr.

Ich akzeptiere, was ist

Ich habe meine Tochter nie aufgegeben. Ich war immer an ihrer Seite, auch wenn ich dabei oft an meine Grenzen gestoßen bin. Heute versuche ich, das zu akzeptieren und wertzuschätzen. Wie weit sie gekommen ist- zumindest an vielen Tagen.

Ich habe gelernt, auch auf mich selbst zu achten. Ich gehe spazieren, jogge, treffe mich mit Freundinnen. Ich genieße mein Leben mit meinen Kindern und Enkelkindern. Es gibt viele glückliche Tage- auch solche, an denen ein Anruf von Christina genügt, um mich emotional zurückzuwerfen. In solchen Momenten muss ich aufpassen, nicht wieder in ein Loch zu fallen.

Bleibt mutig

Das ist meine Geschichte. Ich hoffe, sie macht anderen Mut- so wie mir damals die Geschichten anderer Angehöriger Mut gemacht haben. Ich bewundere alle Eltern, die ihr suchtkrankes Kind begleiten. Ich verstehe eure Sorgen eure Wut, eure Schuldgefühle. Doch das Leben geht weiter- auch wenn man es manchmal kaum glauben kann. Man muss sich selbst schützen sich Pausen gönnen, auf sich achten. Nur so findet man die Kraft , weiterzugehen.