Von der Hoffung

Beim Schreiben längerer Texte verliere ich gern den Faden. Daher versuche ich oft, mich kurz zu fassen, was mir in der Regel misslingt.

Mein Sohn hat seinen Faden ebenfalls verloren. Vor Kurzem bückte er sich, um ihn wieder aufzuheben und neu anzuknüpfen. Niemand weiß, ob dabei der Knoten hält oder sich der Faden erneut löst.

Sein Knäuel entglitt ihm, als eine Geliebte in sein Leben trat. Sie wählte einen günstigen Moment dafür. Jenen, in dem Zweifel einsetzen und man das Familiengefüge und sich selbst infrage stellt, Neugierde und Unternehmungslust übermächtig werden und man Ängsten Paroli bieten will. Mit großer Geschicklichkeit umgarnte sie unseren Sohn, versprach ihm Rückhalt, Stärke, Lebensfreude. Ich werde immer für dich da sein, flüsterte sie. Siehst du nicht, wie deine Eltern in Arbeit und dem Alltagstrott versumpfen, deine Schwester ihren Weg findet und du bleibst zurück? Er zweifelte kurz. Ganz so dramatisch erschien ihm sein Leben nicht. Aber bei seinen Freunden sah er eine Leichtigkeit, die ihm irgendwie fehlte. Sie hatten die passenden Gefährtinnen: Nikotina, Margarita, Krawallbrause, Mary Jane. Scheinbar hilfreich, um das Leben leichter fließen zu lassen. Es bleibt aber unser Geheimnis, sagte die Geliebte, niemand darf von uns erfahren.

Ein Doppelleben begann. Vorne auf der Bühne funktionierten Schule, Arbeit und Familie. Hinter dem Vorhang fanden heimliche Treffen mit Mary Jane, Benzodiazepina und der ganzen Clique statt. Die Geliebte hieß Verlangen. Sie hielt Wort und leitete meinen Sohn auf neue Pfade, auf denen er sich stark, frei, mutig fühlte. Sie ließ sich das Vergnügen etwas kosten, aber er verdiente gut und teilte bereitwillig. Zusehends forderte sie mehr und gab weniger. Die Geliebte wandelte sich zur verhängnisvollen Affäre und schließlich zur Sucht. Sein Geld gab er nurmehr widerwillig für sie her, zumal sie immer kostspieliger wurde. Es dämmerte ihm, dass es mit ihr komplizierter war als ohne sie.

Die Freunde hatten ihren Begleiterinnen längst den Laufpass gegeben, doch seine Sucht blieb hartnäckig an seiner Seite. Eine verdammte Stalkerin. Vergiss nicht, mahnte sie, alles verdankst du mir. Wir sind schon zusammen, seit ich dein Verlangen war. Als er vorschlug, sie doch endlich seiner Familie vorzustellen, erinnerte sie ihn an ihre Vereinbarung und zog sich zurück.

Er versuchte, ohne sie auszukommen, doch die Tage ohne ihre Truppe hinterließen ihn kraft- und rastlos, ängstlich, er litt nahezu körperlich. Als er sie daraufhin suchte und wiederfand, war sie nicht allein. Heroine war bei ihr. Uns gibt es nur im Paket, stellte sie klar. Sie war zur Domina geworden. Er ließ sich darauf ein und merkte zu spät, wie hoch der Preis war, unterdessen sich eine neue Begleiterin in sein Leben einschlich. Scham war ihr Name.

Gemeinsam mit ihr rang er sich dazu durch, Hilfe zu suchen. Vorerst noch hinter dem Vorhang. Suchtberatung, Entgiftung, Therapie standen im Raum, traten aber wenig überzeugend auf. Schließlich, in einem unaufmerksamen Moment der Sucht, vertraute er sich der Familie an. Uns. Zu einem Zeitpunkt, als niemand mehr so richtig zurückverfolgen konnte, wo und wann der Sohn sein Knäuel abgelegt, den Faden verloren hatte. Wir fielen aus allen Wolken. Wie es halt ist, wenn man von einer Geliebten erfährt, die man zwar geahnt, aber nie wirklich für möglich gehalten hat.

Von da an gehörten wir zu „Den Anderen“. Zu denen, die es trifft. Mit Wucht. Unsere Rollen innerhalb der Familie wurden neu definiert. Seit dem „Outing“ sind fast zehn Jahre vergangen. Ein Jahrzehnt, geprägt durch wiederkehrende Entgiftungen, eine Langzeittherapie, fünf cleane Jahre, Rückfälle, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, Lichtblicke, Desillusion, Verzagtheit, Zuversicht, Traurigkeit, ganz viel Angst, Dankbarkeit, Verzweiflung, LIEBE, Täuschung und Enttäuschung. Das ganze Paket, auch hier.

Die Geliebte gibt es nach wie vor und es ist eine gewaltige Aufgabe, ihre verkommene Clique in Schach zu halten. Ein niemals enden scheinendes, zähes Ringen um die Vorherrschaft. Unserem Sohn ist inzwischen klar, dass sie nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. Sie ist kein Gesamtpaket. Ihre Fracht kann er verweigern. Daran arbeitet er. Er hält den Faden in der Hand. Die Bruchstelle ist der Punkt, an dem er, die Menschen, die ihm guttun und die Sucht mit ihren Handlangern aufeinandertreffen. Gelingt es ihm, wieder anzuknüpfen, bleibt die Clique vielleicht ausgeschlossen, doch die Geliebte wird ihm treu bleiben. Immerhin hat er teuer für sie bezahlt. Sie gehört zu seinem Leben. Er weiß, dass Nähe zu ihr gefährlich ist und Abstand überlebensnotwendig. Er muss ihr nicht gehorchen, wenn er es nicht will.

Ich wünsche ihm von Herzen, dass er wach und mutig bleibt. Seinen Faden kann ich nicht führen. Aber er kann es schaffen. Er liebt das Leben, wir lieben ihn, und ganz vielleicht liebt das Leben uns alle.