Erfahrungsexperte: Micha

Der „Substi-Song“

Ich möcht gern unabhängig sein
und mich von meiner Last befrei´n.
Depression vor Schmerzen klein,
muss dieser Kampf denn wirklich sein?
Trostlos sitz ich auf meinem Thron, 
gern aufhören, das wollt´ ich schon,
Ob Benzos, Speed, Mariacron,
ob Gras ob Coca oder Mohn.
Jetzt bist Du abhängig davon,
geschenkt dazu noch Spott und Hohn.
Ob armer Diener, reicher Sohn,
Sklave sein ist nun dein Lohn.

Nach all den Langzeittherapien, 
nie ganz frei so wie es schien,
ruft´s stets „giftig“ aus der Scene,
„i know-you know“ what i mean.
Friedvoll still doch strapaziert
ausgeglichen, balanciert,
therapeutisch imprägniert,
lang entwöhnt, konditioniert,
obwohl so clean wie neugeboren,
geht Gelerntes rasch verloren.
Bevor ich trödelnd hab´ erkannt,
das ich stets nur halb verstand.
Wirklich gründlich therapiert,
hab´ ich nur Eines voll kapiert,
nie mehr so wie es mal war,
lebenslang süchtig, das ist klar.

Zurück mit Wucht, mit voller Kraft,
ich hab’s mal wieder nicht geschafft.
Intravenös, den braunen Saft,
so hat’s mich dahin gerafft.
Ich war kaputt, total erkrankt,
die guten Jahr‘ hab ich verjunked
bis ich zerstört und völlig blank,
komplett verwahrlost niedersank.

Aus jeder meiner Zellen
dringt flehentlich das Schrein.
Injizier‘ nochmal im Schnellen,
mir ’ne warme Ladung rein.
Dann als Verkäufer für den Baron
für Graf von „Testosteron“
bekam ich als Läufer zum Diplom,
’nen Filter für’s Entzugssymptom.
Mein ganzes Geld hab‘ ich verprasst,
elend verendet wär ich fast,
gleichdrauf unfreiwillig Gast,
Entzug im JVA-Palast.
Es war ’ne allzulange Rast,
ich hab mich sehr dafür gehasst,
doch gelernt hab‘ ich im Knast
für alle gilt: „Change we must“.

Sibylle, Inge, Willi und der Franz –
Beigebrauch, Take Home und Compliance
Petra, Uwe, Billy und auch Hans /
PSB / UK / DS der Firlefanz.
Achtung und auch Toleranz /
Respekt, notwendige Distanz
„Hosen runter“
nun geht’s auf zum Tanz
vertraulich Pinkeln? – keine Chance.

Opium, mein warmes Licht,
heilst alles, nur dich selber nicht.
Trage, Pflaster, Wundverband
ohne dich seh‘ ich kein Land,
was gebe ich mich für dich her,
du „böse Blume“ von Baudelaire,
mit dir verbunden bin ich sehr,
einfach geh’n, ist so nicht fair
bin ohne dich, allein und leer,
bist Zuflucht, Quelle und noch mehr,
Heimat, Bonbon und Teddybär.
Der Zauber und das ganze Flair
gibst uns Freude, Schutz und Halt,
ich hab‘ den vollen Preis bezahlt.


Vorbestimmt für dieses Leben –
Schon mit meinen 16 Jahren,
hab ich mich dir hingegeben
noch sehr jung und unerfahren.
Ich schwelg‘ in deinem Schimmer,
Finger weg, ob ich’s je schaffe?
Denn dahinter grinst wie immer,
listig-lauernd zahm der Affe.
Der gut genährt im Käfig lebt,
wollen wir nun die Fessel lösen
zum Fressen sich die Fratze hebt.
Nur noch Schmerzen, nie mehr Dösen,
grausam die Furcht im Inneren bebt,
aus jeder meiner Zellen
dringt flehentliches Schrein,
injizier‘ nochmal im Schnellen
mir ’ne warme Ladung rein.

Glücklich bin ich heute,
sag ich als Opfer leis‘
morgen nur noch Beute,
zu hoch wird nun der Preis,
Ich kann das nicht mehr zahlen
das ist auch nicht mehr fair.
Ich leide nur noch Qualen,
du gibst mich nicht mehr her.
Wenn ich’s auch bereute,
ich drifft‘ im Teufelskreis,
glücklich bin ich heute,
sag ich als Opfer leis‘.

Lang beenden, wollt ich es schon
denn als Vater, Opa, Sohn ?!
gehört’s wohl nicht zum guten Ton.
Tja, das hab‘ ich nun davon
Sklaverei, Substitution –
nicht nur bestimmt vom „Methadon“
Stigma, Regel, Situation,
Bürde, Arzt, Institution,
Gesetz und Pflicht, Befehlston
vorgefertigt ist die Meinung schon.
Obwohl als Krankheit anerkannt,
bist du gesellschaftlich verbannt,
geächtet mit verstohl’nem Blick,
bist du von vornherein schuldig.
Als Medikament, so nehm ich’s hin,
ist’s für Viele ein Gewinn.

Obwohl schon vielerorts blamiert,
leb‘ ich ganz toll substituiert,
selig frei und ungeniert,
mein Ruf ist längst ruiniert.
Jetzt der alte Opinaut,
das ganze Haar schon fast ergraut,
auch der Leumund ist versaut.
Ich hab’s geschafft,
beinah‘ verbaut,
dennoch bleib‘ ich obenauf,
schöpf neue Kraft,
geb‘ niemals auf.
Ich nehm‘ die Substi gern in Kauf

Es ist mein eigner Lebenslauf.
Schluß mit Spiel und Prahlerei,
der ganze Wahn ist mir nun einerlei.
Knebel, Fesseln mühelos befrei’n,
ein paar Freunde, nie mehr allein.
Mindergiftig mit gelieh’nem Mut
gleich wie, wo und was man tut.
Kraftvoll frisch, fast rein das Blut,
selig das Gemüt nun ruht.
Wann kommt ihr denn jetzt mal her,
gute Freunde, die sind rar.
Eure Nähe wünsch ich mir sehr,
ihr seid ja nur ,ne kleine Schar.
Seid ihr hier, bin ich dankbar,
hallo Freunde „Wunderbar“

Micha Mey