Mama-Einsamkeit

…und am schlimmsten ist die Mama-Einsamkeit

Ist es verrückt zu erzählen, dass ich im Zuge der Suchterkrankung meiner Tochter mit am meisten unter dem Rückzug einiger Freundinnen gelitten habe?

Über 30 Jahre lang war ich mit der einen verbunden. Mit der Besten der Welt.
Unzählige Male „Hab‘ dich lieb!“, legendäre Lachkrämpfe, tausend Gespräche über einfach alles: Todesfälle, Trennungen, Umzüge, Jobwechsel, den wahnsinnigen und wunderbaren Alltag.

Dann wurde im Lockdown ein Teenie krank, verlor sich in falschen Kontakten zur falschen Zeit, rutschte allen Interventionsversuchen zum Trotz in den Drogenkonsum.

Ganz am Anfang war ich noch die, die ich immer war: aktiv, optimistisch, kaum aus der Bahn zu werfen. Alle Superkräfte kamen zum Einsatz, ich war die furchtloseste Detektivin seit Miss Marple, nie um einen trockenen Spruch und einen geschwungenen Stockschirm verlegen.

Auf bewegte Monate folgte die Zeit nach Entzug und Klinikaufenthalt, in der einfach nur dieses Übermaß an Langmut und Zuversicht gefragt war, das vielleicht nur Eltern kranker Kinder kennen.

Und da konnte ich manchmal einfach nicht mehr: nicht mehr witzig und schlagfertig sein, voller Geschichten und für jede Idee zu haben. An manchen Tagen ist es mir schwergefallen, ein bisschen Deo unter meine Achseln zu kollern. Da war diese bleierne Müdigkeit, gleichzeitig eine quälende Unruhe, und zu erzählen gab es zwischen viel angehaltener Luft nicht wirklich viel.

„Wie geht’s?“
„Mh, ok soweit.“
So leise wie unerbittlich sind unsere Freundinnen-Kontinente auseinandergedriftet.
Sie hatte Ameisen in der Küche, ich eine Wolke aus Wut, Sorge und Verzweiflung.
Sie hatte Ärger mit der Wärmepumpe, ich Herzflattern nach einem Rückfall unklarer Schwere.

Sie erwischte ein tolles Projekt, ich einen Blick in die Hölle jugendlicher Beschaffungskriminalität.
Sie ging zum Beckenbodentraining, ich in endlosen Nächten die Wände hoch.
Alle Sorgen hatten die gleiche Größe in der Welt, zu der sie gehörten,
aber die Welten gerieten in immer größere Entfernung.

Wann nach immer angestrengteren Gesprächen die ganz große Stille kam, weiß ich nicht, nur, dass es eine besondere Stille war, gefüllt mit Ungesagtem. Weil ich meistens die gewesen bin, die Zweifelsfällen auf den Grund gegangen ist, weil ich diesmal aber zu erschöpft war für weitere Ermittlungsarbeiten, habe ich eine Entscheidung getroffen: „Erst mal warten, was passiert. Das wird schon wieder.“
Und dann ist einfach gar nichts passiert. Und nichts wieder geworden.

Ein Jahr später tut das immer noch fast körperlich weh, mitten in meiner trotz (oder wegen?) allem liebevollen Familie verarbeite ich einen sehr einsamen Liebeskummer.

Aber pünktlich zum Frühling werden endlose Grübelschleifen von einem funkelnagelneuen Gedanken unterbrochen: Was, wenn die Suchterkrankung des Kindes mich lehrt, mich mit eigenen Abhängigkeiten auseinanderzusetzen?

Die viele Jahrzehnte alte Rolle, in der ich mich wohl und sicher gefühlt habe, hat unversehens ihr Haltbarkeitsdatum überschritten.
Und die bodenlosen Selbstzweifel, in die ich falle, fühlen sich hinterfragenswert an:
Niemand versichert mir mehr, dass ich die Größte, Lustigste, Mutigste bin, und ich zerfalle rückstandslos zu Staub?
Wer bin ich jetzt, ohne zuverlässigen Unterhaltungswert, mit angeknackstem Urvertrauen?
Außer der Mutter eines suchtkranken Kindes?
Noch im größten Desaster lustig zu sein, die, die immer lacht, hat mir das wirklich immer nur gut getan?

Wer kann und will ich sein, für andere, für mich selbst?
Bleibt meine Welt jetzt für immer ein Stück grauer, leerer?
Oder ist längst etwas am Start, für das vorher kein Platz gewesen wäre, das ich vor lauter Festhalten an der einen, wahren, besten Freundin glatt übersehen habe?

Ab und zu noch stelle ich mir vor, sie würde plötzlich vor der Tür stehen, mir irgendeinem magischen Satz zur übergangslosen Wiederaufnahme unserer Verbindung.
„Tut mir leid, ich hab‘ mich so unerträglich hilflos gefühlt!“
„Wir haben gar keine unbeschwerten Themen mehr gefunden. Lass uns über Eintopfrezepte und Flechtfrisuren reden.“
„Du bist so anstrengend! Aber ohne dich ist es noch anstrengender!“
„Wir brauchen klärende Worte! Und einen Korkenzieher!“
„Schuhe an, wir gehen deinen Humor suchen!“

Es verliert an verzweifelter Wichtigkeit, dass dieser Wunsch Wirklichkeit wird.
Andere Wunder haben übernommen. Und je mehr Zeit vergeht, umso weniger weiß ich, wie ich reagieren würde: Wer das sinkende Mutterschiff so bewusst verlassen hat, braucht kein Feuerwerk zu zünden, falls es unverhofft wieder auftaucht.

Neulich habe ich einen tollen Satz gelesen: „Aus der Rolle fallen = aus der Falle rollen!“
Ob die Rolle nach vorne gelingt, weiß ich noch nicht, noch immer kullern vorwiegend Tränen.

Aber vielleicht liege ich eines Tages rücklings mit meinem suchtkranken Kind auf einer Wiese und denke, dass etwas dran ist an der Sache mit dem Sinn, der in allem steckt, mit der Veränderung, die manchmal einen derben Schubs aus dem Hinterhalt braucht.

Und die Mama-Einsamkeit wird verschwunden sein.