Stimmen aus unserer Community
Was macht euch im Zusammenhang mit der Suchterkrankung eures Kindes wütend?
Auf diese Frage haben uns unglaublich viele Rückmeldungen erreicht.
Beim Lesen wird deutlich, wie unterschiedlich Wut sein kann. Und gleichzeitig tauchen bestimmte Erfahrungen immer wieder auf: Stigmatisierung, Lügen und Vertrauensverlust, Ohnmacht, die Sorge um das eigene Kind, fehlende Hilfe, Schuldgefühle …
Wir haben eure Stimmen gesammelt und thematisch sortiert. Entstanden ist ein vielstimmiger Einblick in das, was Eltern wütend macht.
Ich bin wütend auf…
Lügen und verlorenes Vertrauen
Die Lügen.
Immer wieder Versprechungen und Lügen.
Wenn ich weiß, dass mein Kind mich anlügt. Dann beiße ich meine Zähne zusammen und schweige.
Leere Versprechungen.
Dass mir ins Gesicht gelogen wird.
Die ständigen Lügen 😢
Dass er so krass gelogen, gestohlen und uns so fest verletzt hat mit seinem Tun.
Nur Lügen, Lügen, Lügen …
Die vielen Lügen und Vertrauensbrüche. Wie machtlos man sich fühlt.
Unehrlichkeit.
Die Lügen und Beleidigungen.
Hilflosigkeit und Ohnmacht
Meine gefühlte Hilflosigkeit.
Mich macht diese Hilflosigkeit wütend, das Gefühl, dass man nicht vorankommt …
Wütend geht immer einher mit hilflos. Ich bin wütend, weil ich nichts aktiv machen kann.
Dass ich nichts machen kann, dass sie endlich aufhören zu konsumieren.
Die Hilflosigkeit.
Die Machtlosigkeit, der innere Kampf zwischen Ohnmacht und Aktionismus.
Die Angst, nie mehr Leichtigkeit fühlen zu können.
Der ungesehene Schmerz, der hinter jeder Suchterkrankung steht.
Sätze wie: „Ich lebe nur noch, weil ich weiß, wie schlimm es für dich wäre, wenn ich tot wäre.“
Die Macht der Sucht
Dass er sein Leben so wegwirft. Und nicht sagt, warum es so ist. Und mich total ignoriert.
Dass er so ein tolles Leben haben könnte, aber diese Sch… Sucht ist größer.
Es macht mich traurig, aber auch wütend, dass mein Sohn nicht erkennt, dass er Hilfe braucht.
Mich macht wütend, dass unser Kind jegliche Hilfe ablehnt.
Er hätte so viel Potential, aber verhaut sich durch den Konsum sein ganzes Leben.
Warum bist du so undankbar, warum hast du keine Lust, dich anzustrengen, warum ich?
Dass er keine Ratschläge annimmt und immer mit dem Kopf durch die Wand will …
Warum kann er nicht einfach mal an uns denken und es einfach lassen?
Geh endlich deine Probleme an und hör auf mit dem Scheiss!!!
Warum hat er es überhaupt probiert?
Mein Sohn bekam einen gesunden Körper und macht ihn mit der Sucht kaputt.
Dass er sein Leben wegwirft.
Warum versaust du dein Leben, das ich mit so viel Liebe und Kraft aufgebaut hab?
Dass er nicht morgens aufgestanden ist und oft die Schule verpasst hat.
Ich bin wütend auf all das, was die Sucht meinem Sohn, mir und der gesamten Familie gestohlen hat. An Zukunft, an Erinnerungen an Lebenszeit.
Wut auf uns selbst
Das eigene Gefühl, versagt zu haben.
Was habe ich als Mutter eigentlich verbrochen, dass mir das passiert?
Mich macht wütend, dass es mir so schwer fällt, mich nicht verantwortlich zu fühlen.
Oft auch auf mich in der Vergangenheit mit der Frage: Hätte ich etwas tun können?
Wütend auf mich selbst, weil ich wieder nicht standhaft sein konnte, wieder versagt habe.
Fehlende Hilfe und das Hilfesystem
Dieses kack System, das Menschen im Stich lässt.
7 Monate auf einen Tagesklinikplatz warten.
Fehlende schnelle, unkomplizierte Hilfe.
Das Gesundheitssystem und Menschen, die meinen, sie wüssten, wie man sich fühlt!
Das schlechte Hilfesystem bei Doppeldiagnosen.
Was mich sehr wütend macht ist die Stigmatisierung und Kriminalisierung meines suchtkranken Sohnes durch unser sogenanntes Hilfesystem.
Ich bin wütend, weil das „Hilfesystem“ die Kranken nicht abholt, wo sie stehen, sondern mit Vorbedingungen für Hilfe aufwartet und wenn diese nicht erfüllt werden, den Kranken eiskalt die Hilfe verweigert.
Diese Hilflosigkeit, mit der ich an diese „therapeutische Mauer“ geknallt bin, hat mich so wütend werden lassen, wie ich es von mir überhaupt nicht kenne.
Wieso lässt man motivierte junge Menschen monatelang warten?
Außenstehende, Vorurteile und das Umfeld
Mich macht wütend, dass Außenstehende mir als Mutter die Schuld geben.
Vorurteile anderer Eltern. Scham. Sich einsam fühlen deswegen.
Ausserdem macht mich wütend, dass wir Angehörigen ebenfalls als krank bezeichnet werden, indem uns eine „Co-Abhängigkeit“ unterstellt wird.
Auf Menschen, die sagen, er soll einfach aufhören und nicht verstehen, wie schwer es ist.
Auf die „Freunde“, die es mit zulassen und nichts sagen.
Dass Minderjährige so leicht an Drogen kommen.
Die skrupellosen Dealer machen mich wütend 😡
Konsum und seine Folgen
Geruch von Cannabis.
Bei Kokainkonsum und die damit einhergehende Enthemmung für Straftaten.
Die Kaltschnäuzigkeit während und kurz nach dem Konsum, insbesondere bei Kokain.
Was Wut mit uns macht
Aber ich weiß für mich auch, dass mir als Mensch das Gefühl „Wut“ nicht hilft. Ich gehe lieber weg, um nicht zu eskalieren und mich zu beruhigen.
Wut hat mir nie geholfen, hat meine Aufregung und Empörung nur angefacht, hat meine Urteilskraft geschwächt und mich hilflos und vor Zorn bebend alleine gelassen. Wut hat meine Kraft geraubt! Sinnlos……
Die Wut aktiviert uns und setzt Energie frei.
Wut aktiviert mich, motiviert mich, etwas zu verändern, reißt mich aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus.
Wut hilft, die darunterliegende Emotion zu verdecken und aushalten zu können. Und oft wissen wir in wütenden Momenten nicht welches Gefühl zur Wut geführt hat.
Wut darf sein
Wut darf da sein. Wir müssen uns dafür nicht verurteilen.
Liebe schließt Wut nicht aus.
Wir müssen sie nicht immer erklären oder wegmachen.
Wer sich in den Stimmen wiederfindet oder noch etwas ergänzen möchte, kann uns gerne einen Kommentar hinterlassen.
