Wenn ein suchtkrankes Kind den Kontakt abbricht – ein persönlicher Erfahrungsbericht einer Mutter über Loslassen, Hoffnung und Akzeptanz.
Es gibt die Stille die beruhigt, die verbindet, die Weite bringt ohne Verlust und Wachstum erlaubt.
Dann gibt es Stille die trennt, die weh tut und einsam macht.
Zwischen diesen Polen bewegen sich meine Gefühle, wenn wir keinen Kontakt haben.
Kontaktabbruch
Diesmal warst du es, der den Kontakt abgebrochen hat. Davor waren wir beide es schon.
Der Grund, den du diesmal genannt hattest, war so banal wie auch bezeichnend für deine Erkrankung.
Du warst wütend, weil ich dir nicht helfen wollte aus der Klinik heraus Kontakt zu deinen „Kollegen“ aufzunehmen.
„Wir sind keine Familie mehr“ waren deine Worte.
Ich kannte diese Ausbrüche schon. Es war nicht neu für mich, daher blieb ich gelassen in der Erwartung, dass die Situation in ein paar Tagen eine andere sein wird.
Aber du kamst nicht wieder – diesmal bliebst du stumm – ich wurde blockiert.
Eine weitere Woche, einen Monat, dann zwei Monate, drei, vier… So lange wie noch nie.
Warten, hoffen, loslassen
Warten, hoffen, loslassen.
Ich habe schon oft und auch schon lange um das getrauert, was wir nicht miteinander haben konnten und können. Ab deinem 13. Lebensjahr war unsere Beziehung eine andere.
Ich habe sie förmlich zu Grabe getragen und Abschied genommen von der Familie, die wir hätten sein können und sollen.
Mit jedem Mal loslassen wird es aber auch ein bisschen leichter.
Und dennoch bin ich in solchen Momenten vollkommen auf mich zurückgeworfen. Jedesmal wieder.
Du erlaubst mir nicht mehr für dich da zu sein – wohin mit meiner Mutterliebe für dich?
Dann ist da die Sorge vor schlechten Nachrichten. Jedesmal wenn die Tür läutet oder das Handy klingelt.
Hoffentlich nicht. Bitte nicht.
Immer wieder Gebete für deine Rettung – in welcher Hinsicht auch immer.
„Mach dass es gut wird, lieber Gott – egal wie das aussieht – aber es soll gut sein am Ende“.
Für dich und für uns alle.
Nach ein paar Wochen schleicht sich etwas innere Ruhe ein. Ich kann mich immer öfter auf mich und meine Themen konzentrieren.
Zwischendurch auch mal erholsam schlafen.
Jeder Tag ohne schlechte Nachricht gibt auch ein bisschen Vertrauen.
Du hast so viel Stärke in dir, bist so kreativ und hast ein gutes Herz, auch wenn du es oft versteckst.
Ich weiß: wenn es dir einigermaßen gut geht, kommst du durch. Du findest immer eine Lösung für alles – das hat dich schon als kleines Kind ausgezeichnet.
Ich übe loslassen und vertrauen. In Dich, in mich, in die Welt.
Ein Lebenszeichen
Dann eine Nachricht über Social Media. Ein Lebenszeichen.
„Hey Mom, ich bin nicht mehr in der Klinik, ich bin in meiner Wohnung“
Wir verabreden uns zunächst für ein Telefonat.
Du erzählst von deiner Zeit in den vergangenen Monaten. Deinen Abstürzen, deinen schweren Tagen, deinen Schwierigkeiten.
Aber auch von Hoffnung und Plänen. Von Gesprächen mit der Seelsorge, der Drogenberatung, dem Jobcenter.
Du sagst, dass du dich nicht gemeldet hast, weil du meine Enttäuschung nicht ertragen kannst. Meine Traurigkeit nicht sehen willst und nicht spüren willst, dass ich mich unwohl fühle in deiner Gegenwart, wenn du unter Einfluss bist. Du sagst du kannst es nicht aushalten zu sehen, dass ich Angst vor dir habe.
Einerseits bin ich sehr dankbar für unsere Verbindung, die solche Gespräche schon immer möglich gemacht hat, und doch belastet mich das alles zutiefst, weil diese Gespräche trotz allem nicht vermögen dich zu retten.
Und wieder versuche ich all‘ meine Sorgen und Ängste nicht zu zeigen – höre zu, werte nicht, mache keinen Druck… um dich zu halten.
Meine Grenzen
Meine Grenzen sind klar.
Du kennst sie.
Sie wanken nicht, sie verschieben sich nicht, sie sind ein fester Rahmen.
In diesem Raum können wir uns begegnen, wenn auch mit Vorsicht und auch Vorbehalt, aber offen, zugewandt und mit Akzeptanz für die innere und äußere Welt des anderen.
Loslassen bedeutet nicht, aufhören zu lieben.
Loslassen bedeutet nicht aufzuhören zu lieben. Es bedeutet für mich, aufzuhören zu kämpfen gegen das, was gerade nicht anders sein kann.
Denn Nähe ist manchmal genau das, was beiden am meisten schadet, wenn sie aus Angst und Kontrolle um jeden Preis aufrechterhalten werden will.
Distanz ist dann kein Versagen, sondern ein Akt der Selbstachtung und das was beide schützt und manchmal auch die einzige Form von Liebe, die noch möglich ist, ohne sich selbst zu verlieren.
Dieser Entwicklungsweg bedeutet für mich auch, sich in radikaler Akzeptanz zu üben.
Diese Akzeptanz ist weder Trost noch heiße ich gut was gerade ist.
Sie ist auch nicht Gleichgültigkeit – vielmehr eine Erschöpfung an dem Versuch, jemanden zu retten, der selbst noch nicht bereit ist.
Und sie ist Arbeit; Tag für Tag das anzunehmen, was man sich nie gewünscht hat.
Vielleicht kann so auch Raum entstehen für eine andere Art der Annäherung und Verbindung.
