Mutter eines suchtkranken Sohnes erzählt von ihren Erfahrungen mit Kokainabhängigkeit und ihrem veränderten Blick auf Sucht.

Mein Blick zurück

Als ich erfahre, dass mein Sohn Kokain konsumiert, ist das ein Schock.

Ich bin damals an meine Grenzen gekommen – und darüber hinaus gegangen.

Für mich überstürzten sich die Ereignisse. Zeit und Muße für Reflexionen fehlten.

Aus heutiger Sicht sehe ich manches anders. Diese Gedanken möchte ich mit euch teilen.

Meine erste Reaktion

Als mir klar wird, dass mein Sohn kokainabhängig ist, denke ich zunächst: Das darf nicht sein. Das kann nicht sein.
Es muss sich um einen vorübergehenden Zustand handeln.

Meine ersten Fragen

Wie kann ich meinen Sohn aufklären?

  • Dass er sich in einer Abwärtsspirale befindet.
  • Dass er mit Kokain sein Leben ruiniert.

Wie kann ich ihn kontrollieren?

  • Um seine Substanz zu eliminieren.
  • Um ein nächstes Konsumereignis zu verhindern.

Wie kann ich den Konsum nach außen verheimlichen?

  • Damit niemand realisiert, was bei uns los ist.
  • Damit er und wir nicht stigmatisiert werden.

Meine ersten Verhaltensweisen

Ich habe beobachtet und kontrolliert.

Ich habe aufgeklärt und informiert.

Ich habe geredet und gepredigt.

Ich habe gebettelt und gefleht.

Zwischenfazit

Es waren die falschen Fragen.

Es war ein falsches Verhalten.

Die Situation hat sich nicht verbessert, sie hat sich verschlechtert.

Meine Belastung, meine Hilflosigkeit, meine Ohnmacht wurde nur noch größer.

Was ich gebraucht hätte

Aus heutiger Sicht das Allerwichtigste:

  • Hilfe zur Selbsthilfe.
  • Unterstützung bei der Selbstfürsorge.

Und zum besseren Umgang mit der Situation:

  • Fachwissen zur Dynamik von Suchterkrankungen.
  • Vertiefte Informationen zum Wirkcharakter von Kokain.
  • Erfahrene Gesprächspartner, um meine Haltung zu reflektieren.
  • Anregungen zu zielführender Kommunikation mit meinem Kind.

Dann hätte ich mich mehr um mich gekümmert. Dann hätte ich besser verstanden. Dann hätte ich eine andere Haltung gehabt. Dann hätte ich mich auch anders verhalten. Dann hätten sich Schuld und Scham bei allen Beteiligten reduziert.

Sucht als Krankheit und nicht als persönliches Versagen zu verstehen, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Und verstehen statt verurteilen ebenso.

Und auch den Blick auf das zu richten, was uns Angehörige stärkt und gesund hält.

Schlussfazit

Und wenn mir damals in der idealen Welt alle diese Ressourcen zur Verfügung gestanden hätten?

Dann wäre mein Schmerz – so denke ich – nicht kleiner gewesen.

Das Leiden meines suchtkranken Kindes mitansehen zu müssen, ohne wirklich helfen zu können, hat eine Wunde in meinem Herzen hinterlassen, die bis heute nicht geheilt ist.

Es bleibt unfassbar. Alles.

Meine ganze Geschichte findet ihr in meinem Buch «Kokainjahre».

Mit @elternsuchtkrankerkinder und mit euch allen fühle ich mich stark verbunden.

Ich wünschte, ich hätte euch und diese großartige Seite bereits damals gekannt.

Marina Jung

@kokainjahre

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