Erfahrungsexperte: Ruben

Was hat dich dazu bewegt, deine Geschichte in einem Buch aufzuschreiben?
Den ersten Anstoss gab mir ein Ehepaar, das ich auf einer Fähre nach Sansibar getroffen habe – ihr Sohn steckte in genau der Situation, in der ich jahrelang gesteckt hatte. Da habe ich gemerkt: Wenn meine Geschichte am Ende auch nur einer einzigen Familie hilft, hat sich die ganze Schieflage gelohnt. Den entscheidenden Anstoss aber gab mir meine Frau, welche immer wieder darauf drängte, meine Geschichte doch endlich aufzuschreiben. Am letzten Tag unserer Hochzeitsreise in Panama, schrieb ich dann endlich die erste Seite.

Wann und wie bist du in die Sucht hineingeraten?
Mit 14 Jahren, in der neunten Klasse. Ein Bekannter, mit dem ich schon im Sandkasten gespielt hatte, bot mir damals etwas Haschisch an, und meine erste Bong baute ich mir aus zwei Plastikflaschen heimlich im Katzenstall zusammen, während Mutti und Vati weg waren. Am Anfang war es sicher reine Neugier, diese verbotenen Dinge auszuprobieren – aber irgendwo tief in mir wollte ich diesen Weg unbedingt gehen, raus aus der heilen Welt, in der ich aufgewachsen war und die «andere Seite» kennenlernen.

Wann hast du gemerkt, dass das nicht „nur eine Phase“ ist? Was für ein Gefühl war das? Ehrlich gesagt habe ich das ziemlich lange verdrängt. Ich glaube, so richtig klar wurde es mir erst nach dem ersten Entzug und der Langzeittherapie, als ich merkte, dass ich trotz aller guten Vorsätze immer wieder in die alten Muster zurückfiel. Das Gefühl war eine Mischung aus Ohnmacht, Scham und stiller Resignation – aber gleichzeitig auch eine Art Erleichterung, weil ich aufhören konnte, mir selbst etwas vorzumachen.

Gab es einen bestimmten Moment, der dir gezeigt hat: „So kann es nicht weitergehen“? Solche Momente gab es leider viele über die Jahre verteilt, und ich habe sie alle wieder weggewischt. Der wirklich entscheidende kam im Gefängnis in der Schweiz, als ich realisierte, dass ich nicht mehr tiefer fallen konnte und ich mich und meinen Stolz brechen liess. Ich gestand mir ein, dass ich es nicht allein schaffen konnte. Gleichzeitig konnte ich meine tiefste Frage in mir endlich beantworten.

Wie hast du deine Eltern in der Zeit erlebt?
Sie waren immer da, auch wenn ich es ihnen wirklich nicht leicht gemacht habe. Ich glaube, ihr Glaube an Gott hat sie getragen – auf eine Weise, die ich damals überhaupt nicht verstehen konnte. Heute weiss ich, dass die beste Entscheidung, die sie je für mich getroffen haben, die war, mich gehen zu lassen.

Wie war der Kontakt zu deinen Eltern während deiner Konsumphase?
Sehr schwankend. Über die wirklich wichtigen Dinge konnte ich gar nicht reden – meist, weil ich meine Gefühle selbst nicht benennen konnte. Es gab Phasen, in denen ich tagelang abtauchte, und dann kam ich irgendwann zurück, machte zum x-ten Mal das gleiche Versprechen und tat so, als wäre nichts gewesen.

Was denkst du im Rückblick – was war dein Grund, süchtig zu werden?
Es gibt nicht den einen Grund, eher ein Bündel davon. Ich konnte schlecht mit unangenehmen Gefühlen umgehen, war extrem harmoniebedürftig und jagte ständig dem nächsten Glücksgefühl hinterher – am liebsten ohne Anstrengung. Und im Hintergrund war da diese grosse, ungelöste Frage nach dem Sinn, die mich schon als Kind beschäftigt hat und die ich mit Substanzen einfach betäubt habe.

Welche Motivation hat dir wieder herausgeholfen? Was hat dich gestärkt? Gab es Menschen oder Angebote, die dir besonders geholfen haben?
Letztlich waren es zwei Dinge: Hoffnung und Commitment. Die Hoffnung kam für mich aus dem Glauben an einen Gott, der einen guten Plan für mein Leben hat – ohne den hätte ich es nicht geschafft. Und dann waren da Menschen wie meine Eltern, die ein Jahrzehnt lang nicht aufgehört haben, für mich zu beten. Ausserdem das langfristige Commitment trotz vieler vieler Rückfälle, immer wieder alles dafür zu tun um mich besser kennenzulernen, an mir zu arbeiten und die Situation zu verbessern, bis heute.

Wenn man dein Buch liest und diese unglaubliche Entwicklung miterlebt – hat man den Eindruck, es hat einfach alles dazugehört in deinem Leben. Oder bereust du irgendetwas? Bereuen ist ein grosses Wort. Natürlich tut mir vieles weh, was ich meinen Eltern, meiner damaligen Freundin und anderen Menschen angetan habe – das kann man nicht wiedergutmachen. Aber ich versuche, aus allem in meinem Leben etwas zu lernen, und ohne diesen Weg wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin und könnte Menschen mit meiner Geschichte und dem was ich tue nicht so viel Hoffnung schenken.

Was würdest du heute einem jungen Menschen sagen, der gerade selbst merkt, dass er die Kontrolle verliert?
Such dir jemanden, mit dem du reden kannst – egal wer, Hauptsache, du brichst das Schweigen, denn negative Dinge verlieren ihre Kraft, wenn man sie ans Licht bringt. Du bist nicht falsch und du bist nicht allein, auch wenn es sich gerade so anfühlt. Und denk dran: Hinfallen ist nie das Problem, sondern nur, nicht wieder aufzustehen – und mach dir weniger Gedanken über morgen, sondern frag dich, was du heute tun kannst, damit es dir besser geht.

Und was würdest du Eltern raten, die in einer ähnlichen Situation sind?
Liebt euer Kind bedingungslos, aber haltet es nicht fest, wenn es fallen muss – manchmal ist genau das die wichtigste Voraussetzung dafür, dass es überhaupt aufstehen kann. Hört nicht auf zu beten und zu hoffen, auch wenn es Jahre dauert, und holt euch selbst Unterstützung, denn ihr tragt eine Last mit, die euch sonst auffrisst. Und vertraut darauf, dass es einen Plan gibt, der grösser ist als das, was ihr gerade seht.

Was hoffst du, dass Leser aus deinem Buch mitnehmen?
Ich wünsche mir, dass Eltern ihr Kind besser verstehen, dass Betroffene wissen, dass sie nicht allein sind – und dass beide vor allem eines mitnehmen: Hoffnung.

Das Buch beschreibt auch die Gedanken von Elke, Rubens Mutter. Wir haben auch ihr ein paar Fragen gestellt. Ihre Geschichte könnt ihr in der Rubrik Erfahrungsberichte nachlesen.

Wer tiefer in Rubens Weg in uns aus der Sucht einsteigen möchte, kann das Buch direkt über diese Website nureinephase.ch oder auch online über den Buchhandel bestellen.