Ist es verrückt zu erzählen, dass ich im Zuge der Suchterkrankung meiner Tochter mit am meisten unter dem Rückzug einiger Freundinnen gelitten habe?
Wenn eine jahrzehntelange Verbindung leiser wird
Über 30 Jahre lang war ich mit der einen verbunden. Mit der Besten der Welt.
Unzählige Male „Hab‘ dich lieb!“, legendäre Lachkrämpfe, tausend Gespräche über einfach alles: Todesfälle, Trennungen, Umzüge, Jobwechsel, den wahnsinnigen und wunderbaren Alltag.
Dann wurde im Lockdown ein Teenie krank, verlor sich in falschen Kontakten zur falschen Zeit, rutschte allen erst vorsichtigen, dann verzweifelten Interventionsversuchen zum Trotz in den Drogenkonsum.
Erst funktionierte ich weiter
Ganz am Anfang war ich noch die, die ich immer war,
vielleicht noch besser in meinen Superkräften als beste Detektivin seit Miss Marple, nie um einen trockenen Spruch und einen geschwungenen Stockschirm verlegen:
Aktiv zu bleiben hat mir dabei geholfen, Kummer und Angst in verkraftbaren Dosen in mein Herz tropfen zu lassen.
Es folgte die Zeit nach Entzug und Klinikaufenthalt, in der einfach nur dieses Übermaß an Langmut und Zuversicht gefragt war, das vielleicht nur Eltern kranker Kinder kennen.
Als plötzlich die Kraft fehlte
Da konnte ich manchmal nicht mehr: nicht mehr witzig sein, spontan, voller Geschichten und für jede Idee zu haben. An manchen Tagen ist es mir schwergefallen, ein bisschen Deo unter meine Achseln zu kollern. Da war diese bleierne Müdigkeit, gleichzeitig eine quälende Unruhe, und zu erzählen gab es zwischen viel angehaltener Luft nicht wirklich viel.
„Wie geht’s?“
„Mh, ganz ok.“
Wenn zwei Welten auseinanderdriften
Sehr leise sind unsere Freundinnen-Kontinente auseinandergedriftet.
Sie hatte Ameisen in der Küche, ich eine Wolke aus Wut, Sorge und Verzweiflung.
Sie hatte Ärger mit der Wärmepumpe, ich Herzflattern nach einem Rückfall unklarer Schwere.
Sie erwischte ein tolles Projekt, ich einen Blick in die Hölle jugendlicher Beschaffungskriminalität.
Sie ging zum Beckenbodentraining, ich in endlosen Nächten die Wände hoch.
Alle Sorgen hatten die gleiche Größe in der Welt, zu der sie gehörten,
aber die Welten gerieten in immer größere Entfernung.
Die besondere Stille danach
Wann nach immer angestrengteren Gesprächen die ganz große Stille kam, weiß ich nicht, nur, dass es eine besondere Stille war.
Weil ich meistens die gewesen bin, die Zweifelsfällen auf den Grund gegangen ist, weil ich diesmal aber zu erschöpft war für weitere Ermittlungsarbeiten, habe ich eine Entscheidung getroffen:
„Erst mal warten, was passiert! Das wird schon wieder!“
Und dann ist einfach gar nichts passiert. Und nichts wieder geworden.
Ein Jahr später tut das immer noch fast körperlich weh, mitten in meiner trotz (oder wegen?) allem liebevollen Familie verarbeite ich einen sehr einsamen Liebeskummer.
Was, wenn der Verlust auch etwas zeigt?
Aber pünktlich zum Frühling werden endlose Grübelschleifen von einem funkelnagelneuen Gedanken unterbrochen: Was, wenn die Suchterkrankung des Kindes mich lehrt, mich mit eigenen Abhängigkeiten auseinanderzusetzen?
Die viele Jahrzehnte alte Rolle, in der ich mich wohl und sicher gefühlt habe, hat unversehens ihr Haltbarkeitsdatum überschritten.
Und die quälenden Selbstzweifel, in die ich falle, fühlen sich hinterfragenswert an:
Niemand versichert mir mehr, dass ich die Größte bin, und ich zerfalle zu Staub?
Wer bin ich jetzt, ohne zuverlässigen Unterhaltungswert, mit angeknackstem Urvertrauen?
Außer der Mutter eines suchtkranken Kindes?
Wer kann und will ich sein, für andere, für mich selbst?
Bleibt meine Welt jetzt für immer ein Stück grauer, leerer?
Oder ist längst etwas am Start, für das vorher kein Platz gewesen wäre, das ich vor lauter Festhalten an der einen, wahren, besten Freundin glatt übersehen habe?
Der Wunsch nach einem Zurück
Ab und zu noch stelle ich mir vor, sie würde plötzlich vor der Tür stehen, mir irgendeinem magischen Satz zur sofortigen und reibungslosen Wiederaufnahme unserer Verbindung.
„Tut mir leid, ich hab‘ mich so unerträglich hilflos gefühlt!
„Du warst so anstrengend, aber nach meinem Rückzug hast du mir schrecklich gefehlt.“
„Wir brauchen ein klärendes Gespräch! Und einen Korkenzieher!“
„Du kommst jetzt sofort zurück in mein Leben, und zwar mit allem Drum und Dran!“
Wenn andere Wunder übernehmen
Es wird mir weniger wichtig, dass dieser Wunsch Wirklichkeit wird, andere Wunder haben übernommen. Und je mehr Zeit vergeht, umso weniger weiß ich, wie ich reagieren würde:
Wer das sinkende Mutterschiff so bewusst verlassen hat, braucht keinen Korken knallen zu lassen, falls es unverhofft wieder auftaucht.
Neulich habe ich einen tollen Satz gelesen:
„Aus der Rolle fallen = aus der Falle rollen!“
Vielleicht beginnt Veränderung genau dort
Ob das klappt, weiß ich noch nicht, noch immer kullern vorwiegend Tränen.
Aber vielleicht liege ich eines Tages rücklings mit meinem suchtkranken Kind auf einer Wiese und denke, dass etwas dran ist an der Sache mit dem Sinn, der in allem steckt,
mit der Veränderung, die manchmal einen derben Schubs nach vorne braucht.
Und die Mama-Einsamkeit wird verschwunden sein.
