Rückenansicht einer jungen Frau bei Nacht mit dem eingeblendeten Satz „Wir sind machtlos.“

Mein Mädchen – und der Moment, in dem ich losließ

Für alle Eltern,
die alles geben
und trotzdem nichts verändern können.

Manchmal ist der Wendepunkt
nicht die Rettung des Kindes –
sondern das Loslassen des Kampfes.

Du warst vierzehn,
als etwas kippte.
Leise.
Unaufhaltsam.

Drogen kamen,
viele,
als Suche
oder als Betäubung.

Wir liefen.
Therapien, Worte, Bücher.
Ich nannte es Hoffnung,
doch es war Kampf.

Die Sucht war schneller.
Stärker.
Ein Strudel,
der dich –
und uns –
mitnahm.

Mein Wendepunkt
kam im Dezember.
Du, gerade 19, auf dem Sofa.
Dein gezeichneter Körper da,
du selbst kaum noch.

Ich sah deinen Schmerz.
Niemand wählt so krank zu sein.

Und plötzlich
kein Denken mehr,
nur Wissen:

Wir sind machtlos.

Der Kampf fiel ab.
Nicht aus Kälte.
Aus Wahrheit.

Was blieb,
war Liebe ohne Auftrag.
Ein Platz ohne Bedingungen.
Ein Dasein
ohne Ziehen.

Ich weiß nicht,
wie deine Geschichte endet.

Meine hat sich hier gewendet:
Ich halte dich im Herzen.
Und lasse los.

8 Kommentare

  1. Hallo Sandra,

    genau an diesem Punkt sind mein Mann und ich auch angekommen.
    Nur, wie lässt man los?
    Ich habe meinem Sohn deutlich gemacht, dass wir es nicht mehr können, wollen und auch nicht mehr müssen.
    Wir setzen unsere Gesundheit nicht weiterhin aufs Spiel.
    Er wurde gerade erst nach 6 Wochen aus der Uni Klinik entlassen.
    Am 3. Tag hat er sich wieder Amphetamine besorgt.
    Er muss jetzt selber eine Entscheidung treffen.
    So kommen wir leider auch nicht weiter.
    Nur, wie schafft man es loszulassen?
    Im Äusseren kann man so tun, aber es zerreißt einen innerlich …. .
    LG Kira

    1. Liebe Kira,

      ich glaube inzwischen, dass Loslassen oft missverstanden wird. Für mich bedeutet es nicht, innerlich plötzlich ruhig zu sein oder nicht mehr zu leiden. Eher im Gegenteil. Manchmal zerreißt es einen, obwohl man im Außen endlich Grenzen setzt.

      Ich kenne dieses Gefühl sehr gut: zu wissen, dass man nicht mehr helfen kann, und trotzdem jede Faser in einem noch retten, schützen oder verhindern möchte. Vor allem nach so vielen Jahren Kampf, Hoffnung, Klinikaufenthalten, Gesprächen und Rückfällen.

      Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Loslassen: anzuerkennen, dass wir die Entscheidung für unsere Kinder nicht treffen können. Dass Liebe allein eine Suchterkrankung nicht heilt. Und dass wir uns nicht mit ihnen gemeinsam zugrunde richten müssen, um zu beweisen, wie sehr wir sie lieben.

      Ich merke bei mir, dass Loslassen kein einmaliger Schritt ist, sondern ein ständiges inneres Zurückholen: weg von der Illusion, ich könnte es doch noch kontrollieren, hin zu der schmerzhaften Realität, dass nur der andere selbst etwas verändern kann.

      Das macht traurig. Aber es ist auch ehrlich.

      Ich wünsche euch sehr, dass ihr eure Grenzen weiter ernst nehmt. Nicht aus Härte, sondern weil eure Gesundheit genauso zählt.

      LG Sandra

  2. Liebe Sandra,
    ich habe ich habe dein Gedicht gelesen, ebenso den Kommentar von Kira und deine Antwort darauf. Ich kann es nicht mehr hören dieses Psychogeschwätz vom loslassen. Wann beginnen Eltern suchtkranker Kinder endlich mal aufzustehen und aktiv zu werden, ein Aufruf an die Politik wo denn die versprochenen Präventionsangebote bei der Legalisierung von Cannabis bleiben. Die Rolle der Schulen, welche ganz oft wegsehen, gefolgt von der Polizei, welche die Statistiken sauber halten möchten. die Schulen besitzen Schulsozialarbeiter welche sich auch sehr ungern diesem Thema annehmen. Das entsetzliche sind diese Selbsthilfegruppen welche nur vom loslassen und fallenlassen sprechen. Ich kann hier nur von meinen Erfahrungen mit den oben genannten Gruppen sprechen und möchte hier auch nicht sämtliche Berufsgruppen in ein schlechtes Licht rücken und über einen Kamm scheren.

    Claudia

  3. Liebe Claudia, es gibt durchaus Elternvereine, die sich auch politisch engagieren. Wir haben einige Landesverbände und einen Bundesverband von und für Eltern suchterkrankter Kinder. Ebenso die Bundesarbeitsgemeinschaft Elternstimme in Sucht und Prävention, die sich ausdrücklich politisch einbringt. Veränderungen sind jedoch oft mühsam und langwierig. Und der einzige Hebel, den wir bis dahin haben, sind wir selbst.
    Gesellschaft verändert sich nicht nur durch politische Entscheidungen – sondern auch durch Menschen, die ihre Erfahrungen teilen, Verständnis wachsen lassen und damit etwas in Bewegung bringen. Barbara

  4. Liebe Barbara,
    ich weiß jetzt nicht warum du antwortest obwohl du den Text nicht geschrieben hast jedoch danke für deine Rückmeldung. Wie intensiv sich die von dir angesprochenen Stellen politisch einbringen weiß ich nicht. Politische Veränderungen sind mühsam und langwierig, deshalb wäre es von Vorteil dass sich möglichst viele Betroffene in diesem Bereich engagieren und auf dieses Thema aufmerksam machen. Wie du mit Erfahrungen teilen und Verständnis wachsen lassen etwas in Bewegung bringen möchtest erschließt sich mir. Diese Vorgehensweise wird leider nichts bewirken das kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen.
    Claudia

    1. Liebe Claudia,
      ich kann deinen Ärger gut nachvollziehen. Tatsächlich wird Eltern oft sehr schnell geraten, loszulassen, während gleichzeitig viel zu wenig darüber gesprochen wird, was gesellschaftlich, politisch und institutionell versäumt wird. Da teile ich manche deiner Gedanken.

      Für mich bedeutet Loslassen allerdings nicht Wegsehen, Aufgeben oder Fallenlassen. Es bedeutet auch nicht, die Verantwortung von Politik, Schulen oder Hilfesystemen auszublenden. Ich verstehe darunter eher die schmerzhafte Erkenntnis, dass ich den Weg meiner Tochter trotz aller Liebe, Unterstützung und Anstrengung nicht für sie gehen kann.

      Vielleicht unterscheidet sich unsere Erfahrung auch ein wenig. Ich habe im Laufe der Jahre durchaus Unterstützung durch verschiedene Institutionen erlebt. Trotzdem hat das letztlich nicht dazu geführt, dass meine Tochter gesund werden wollte. Das war eine der schwersten Erkenntnisse für mich: Dass selbst engagierte Eltern, gute Helfer und Hilfsangebote an ihre Grenzen stoßen, wenn der betroffene Mensch selbst nicht bereit oder in der Lage ist, einen anderen Weg zu gehen.

      Vielleicht braucht es beides: Menschen, die Missstände benennen und Veränderungen einfordern, und Eltern, die lernen, nicht selbst an der Sucht ihrer Kinder zugrunde zu gehen.

      Danke für deinen kritischen Blick und dafür, dass du ihn hier einbringst.

      Liebe Grüße
      Sandra

      1. Liebe Sandra,
        Was du meinen Ärger nennst was du Aufgrund meiner Aussagen vermutest ist die Realität und leider wird diese wenn man sie ausspricht als verärgert wahrgenommen. Trotz dass du Unterstützung durch verschiedene Institutionen erfahren hast hat es deine Tochter nicht geschafft. Du nennst es nicht gesund werden wollen, ob das nicht wollen ist bezweifle ich. Sucht ist etwas was man nicht unbedingt als Krankheit bezeichnen kann. Sucht ist etwas tieferes, welches nichts mit Willenskraft zu tun hat, sondern mit Veränderungen des Gehirns durch die Drogen was die Betroffenen nur schlecht kontrollieren können. Mit rund 80% Rückfallquote sind die heutigen Therapien nicht sehr erfolgreich. Vielleicht wird in Zukunft die Forschung in Bezug Veränderungen des Gehirns durch Drogen sich weiterentwickeln und dann neue Therapien zur Verfügung stehen. Deiner Tochter und meinem Kind wird dies wohl nicht mehr helfen. Der Betroffene ist deiner Meinung nicht bereit oder in der Lage einen anderen Weg zu gehen, der Weg mit Drogen führt fast immer in den Abgrund. Ich wünsche dir alles Gute und deiner Tochter ein vielleicht suchtfreies Leben.

        Liebe Grüße
        Claudia

        Es ist nicht meine Absicht in diesem Forum Unruhe zu stiften weil ich eine andere Meinung vertrete. Deshalb werde ich jetzt auch keine Kommentare mehr schreiben, bedanke mich aber, dass Ihr meine Beiträge nicht gelöscht habt.

        1. Liebe Claudia,

          danke für deine offenen Gedanken. Auch wenn wir manche Dinge unterschiedlich sehen oder unterschiedlich erlebt haben, finde ich es bereichernd, dass verschiedene Perspektiven hier Platz haben dürfen.

          Es würde mir leid tun, wenn bei dir der Eindruck entstanden ist, deine Meinung sei hier nicht willkommen. Ich habe deinen Beitrag nicht als Unruhe empfunden, sondern als Ausdruck deiner Erfahrungen und deiner Betroffenheit.

          Ich wünsche dir und deinem Kind ebenfalls von Herzen alles Gute.

          Liebe Grüße
          Sandra

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